23.05.25
Der stille Revolutionär
Tal Farlow und die Jazzgitarre.
In der Jazzszene der 1950er-Jahre galt Tal Farlow als Ausnahmeerscheinung – ein Gitarrist, der das Instrument neu definierte. Als Mitglied des Trios des Vibraphonisten
Red Norvo, zusammen mit dem jungen Charles Mingus am Bass, machte er 1950 erste Aufnahmen für das Discovery-Label. Diese Sessions zählen bis heute zu den bedeutendsten
kammermusikalischen Dokumenten des Jazz und verhalfen Farlow zu seinem legendären Ruf.
Im Gegensatz zu vielen jungen Gitarristen seiner Generation, die sich stark an Charlie Christian und Charlie Parker orientierten, schritt Farlow stilistisch eigenständig
voran. Während Kollegen wie Barney Kessel oder Herb Ellis große Beachtung fanden, setzte Farlow Maßstäbe – mit atemberaubender Geschwindigkeit, technischer Präzision und
einer Musikalität, die weit über bloße Virtuosität hinausging. Seine Phrasierung, die Verwendung weiter Intervalle und sein harmonisches Verständnis ließen selbst komplexe
Bebop-Passagen fließend und selbstverständlich klingen. Dass er dabei eine vollkommen neue Anschlagtechnik verwendete – das Wechselspiel von Abschlag und Aufschlag – war
Teil seiner Innovation: eine radikale Abkehr vom bis dahin üblichen Downstroke-Stil.
Seine Spielweise beeindruckte nicht nur das Publikum, sondern auch Kollegen. Johnny Smith, selbst eine Gitarrenlegende, brachte es auf den Punkt: „Dieses Spiel kommt aus
Herz und Seele.“
Der Erfolg blieb nicht aus: In den Jahren 1954, 1956 und 1957 wurde Farlow von den Kritikern des Magazins DownBeat zum führenden Jazzgitarristen gewählt. Trotz dieser
Erfolge zog sich Farlow Ende der 1950er-Jahre überraschend zurück. Nach einem Engagement im New Yorker Composer Club verschwand er beinahe völlig von der Bildfläche
der Jazzmetropole – für fast zehn Jahre.
Die Gründe lagen nicht in künstlerischer Frustration, sondern in einer bewussten Lebensentscheidung. Farlow, frisch verheiratet, kehrte in seine Heimatstadt Sea Bright in
New Jersey zurück, wo er in aller Ruhe als Schildermaler arbeitete – einem Beruf, den er schon vor seiner Musikerkarriere gelernt hatte. Boote, Angeln und gelegentliche
lokale Auftritte ersetzten die große Bühne. Der Rückzug war freiwillig, das einfache Leben offenbar erfüllend genug.
Erst 1967 überredete ihn der Radiomoderator Mort Fega zu einem Comeback in einem kleinen Club in Manhattan. Die Resonanz war überwältigend. Farlow hatte – ohne es selbst
zu merken – Kultstatus erlangt. Die Rückkehr wurde zum Ereignis. In den folgenden Jahren blieb seine Beziehung zur Jazzwelt jedoch ambivalent. Immer wieder zog er sich
zurück, nur um bei besonderen Gelegenheiten überraschend wieder aufzutreten – so etwa beim Newport Jazz Festival 1969, wo er mit Red Norvo wieder auf der Bühne stand,
oder 1973 im Duo mit Jim Hall.
Ein Höhepunkt dieser späten Jahre war das Konzert „Salute to Tal“ 1976 in der Carnegie Hall. Im selben Jahr begann seine Zusammenarbeit mit dem Concord-Label.
Der Dokumentarfilm Talmage Farlow von Lorenzo DeStefano, der 1981 Premiere feierte, rückte den Gitarristen noch einmal ins Rampenlicht. Die sensible Filmbiografie
zeigte den Menschen hinter dem Musiker – zurückhaltend, charmant, frei von Starallüren.
Der Film weckte neues Interesse, das selbst einen zurückgezogenen Geist wie Farlow zur Reaktion zwang. Es folgten internationale Tourneen, Festivalauftritte und
schließlich in den 1990er-Jahren der Beitritt zur legendären „Great Guitars“-Formation an der Seite von Herb Ellis und Charlie Byrd.
Tal Farlow starb am 25. Juli 1998 im Alter von 77 Jahren. Bis zuletzt blieb er sich treu – ein bescheidener Mensch, der nie ganz verstand, warum so viele ihn für einen der
größten Jazzgitarristen aller Zeiten hielten. Doch genau das war er.